1984 - Das Jahr, in dem die Zukunft begann

Trend oder Epoche? – Was sie in der Vergangenheit schon immer über die Zukunft wissen wollten

Link zum Video:  https://www.youtube.com/watch?v=u4l_Ok_Fe7Q

Den Roman ‚1984‘ stellte George Orwell im Jahr 1948 fertig und der Zahlendreher von 48 auf 84 wurde damit, als Verbindung der Gegenwart zur Zukunft, zum Buchtitel. Mit den darin beschriebenen 4 Ministerien des Überwachungsstaates Oceaniens parodierte er die „Vier Freiheiten Rede“ von US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt.

Aus der ‚Redefreiheit‘ schuf er das Wahrheitsministerium, in dem auch sein Protagonist Winston Smith arbeitet und mit Anwendung des sogenannten ‚Neusprech‘ Fakten manipuliert.

Die ‚Religionsfreiheit‘ inspirierte das Ministerium für Liebe, die einzig dem Big Brother gelten soll und eine Gedankenpolizei die Durchsetzung der politisch korrekten Linie sorgt.

Aus der ‚Freiheit von Not‘ wird ein Mangel verwaltendes Überflussministerium.

Und die ‚Freiheit von Furcht‘ mündet in das Krieg führende Friedensministerium.

Diese Rede von Roosevelt war wiederum von Herbert George Wells, der uns eher als Science Fiction Autor von „Die Zeitmaschine“ und „Krieg der Welten“ (später berühmtes Hörspiel von Orson Welles) bekannt ist, als durch sein Buch „The Rights of Man, or what are we fighting for?“, das nach  seinem Erscheinen 1939 die sogenannte Wells Debatte auslöste, inspiriert.

Auch die Präsidentengattin Eleanor Roosevelt ließ das nach dem Tod ihres Mannes nicht los, als sie den Vorsitz der UN-Menschenrechtskommission übernahm. Somit brachte sie in eben diesem Jahr 1948 die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ von den Vereinten Nationen zur Verabschiedung.

Die Menschenrechte und die Schreckensvision des totalitären Überwachungsstaates erblickten also zeitgleich das Licht der Öffentlichkeit und speisten sich überdies auch aus der gleichen Quelle. Das eine quasi als die helle, freundliche und ermutigende Sicht, das andere als dunkle, zwanghafte und abschreckende Perspektive auf den Menschen und künftige Gesellschaften. Licht und Schatten unserer Zeit.

„and now to something completly different“ könnte man sagen, um auf das Jahr 1984 zu sprechen zu kommen, bzw. auf einen Science Fiction Autor, der zuvor bei ‚Monty Pythons‘ mitgewirkt hatte. Genregerecht war in jenem Jahr der letzte Band der Triologie „Per Anhalter durch die Galaxis“ bei uns erschien und Douglas Adams schrieb am weniger bekannten vierten Band. Am 29. April 1984 kam die gleichnamige 6-teilige BBC-Serie in der ARD zur Erstausstrahlung.

Ihnen sagt die Zahl 42 nichts? Zufällig genau die Hälfte von 84? Sie ist das Ergebnis auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. Geben Sie auf ihrem Smartphone doch mal ‚Die Antwort auf alles‘ ein – wie sie sehen – 42. Oder hat jemand eine andere Antwort erhalten?

Was sie da jetzt in den Händen halten unterscheidet sich übrigens nur in einem einzigen Punkt von dem visionär vorweg entworfenen Reiseführer ‚Per Anhalter durch die Galaxis‘ – auf unseren Handys und Tabletts steht nicht in großen freundlichen Buchstaben ‚DON’T PANIC‘. Vielleicht aus gutem Grund.

Aber nicht wegen einer technischen Vorhersehung spreche ich diesen Science Fiktion Klassiker an, und auch nicht weil die Antwort auf den Sinn des Lebens womöglich in einer anderen Dimension liegt und wer dahin gelangt, die Frage schon vergessen hat. Ich spreche das an, weil seit Mitte der 80er Jahre die Klarheit über die absolute Bedeutungslosigkeit unserer Existenz im Unterhaltungs-Mainstream angekommen ist (und auf Grund des Erfolgs auch entsprechend von Disney nochmal verfilmt wurde).

Ob die Erde nun wegen einer Hyperraumumgehungstrasse gesprengt wird oder wir selbst die Kontrolle über das irdische Leben verlieren, das Universum kratzt das herzlich wenig. Der sprichwörtlich in China umfallende Reissack gleicht einem Erdbeben dagegen.

Aus der Bewusstmachung solch grundlegender wissenschaftlicher Erkenntnis in unserem Alltag, folgt natürlich auch eine entsprechende Wahrnehmungsveränderung. Hier an der ‚Freien Akademie der Künste‘ rücke ich deshalb die Kunst dabei in den Mittelpunkt, die als Ausdruck ihrer Zeit uns beobachtet und reflektiert.

Der 80er Jahre Bandname ‚Level 42′, nach eben dieser ’42‘ benannt, legt mir nahe, mit der ältesten Kulturtechnik der Menschheit zu beginnen:  MUSIK

Für die über 42-jährigen unter Ihnen ist Musik auch besonders geeignet, um unser kollektives Gedächtnis an dieses Jahr 1984 aufzufrischen.

Die Münsteraner Alphaville waren „Big in Japan“. Die Briten Frankie Goes to Hollywood gleich mit 2 großen Hits „Relax“ und „Two Tribes“, Depeche Mode mit „People are People“, Talk Talk mit „Such a Shame“, Duran Duran „Wild Boys“ und die Eurythmics mit eben diesem „1984“.

George Michael kam mit „Careless Whisper“ aber auch mit seinem Duo Wham „Wake me up Before You Go-Go“, Queen besang „Radio Ga Ga“ – das muss ich als Radiomacher natürlich erwähnen – und Limahl verdankte seinen Erfolg mit „The NeverEnding Story“ der Wolfgang Peterson Verfilmung der unendlichen Geschichte, den bis heute erfolgreichsten deutschen Film in den USA.

Von dort durchbrachen zwei farbige amerikanische Superstars den britischen Synthie-Pop-Sound dieses Jahres: Keine Party auf der nicht mindestens einmal am Abend „Purple Rain“ von Prince erklang, wofür er 7 Grammys erhalten sollte, und das bis heute unübertroffen damals mit 8 Grammys ausgezeichnete meistverkaufte Album der Welt „Thriller“ von Michael Jackson.

Für ihn war 1984 in jeder Hinsicht ein Schicksalsjahr, zog er sich doch gleich im Januar bei dem Pepsi-Dreh die Verbrennungen zu, die zu der Medikamentierung führte, die später für seinen frühen Tod verantwortlich war.

Behalten Sie den Klang dieses Jahres mal im Ohr, denn um Ihnen zu verdeutlichen welche Wendungen diese Superlative markieren muss ich etwas Vorgeschichte in Erinnerung rufen um Ihnen den Wendepunkt dieses Jahres zu verdeutlichen.

Mit Erscheinen des Orwellschen Romans betätigte sich 1949 der amerikanische Musikjournalist und spätere Produzent Jerry Wexler im ‚Neusprech‘, also der Macht der Worte durchaus bewusst, und benannte die bis dahin nicht nur im Billbord-Magazin als Race-Music bezeichnete Musik des farbigen Amerikas um: in ‚Rhythm and Blues‘, heute gerne auch R&B abgekürzt.

Zur gleichen Zeit begannen Jerry Leiber und Mike Stoller, beide zu den Komponisten mit den meisten Urheberrechten zählend, mit ihrer Arbeit in diesem neuen Genre, den Sie zum Rock’n Roll weiterentwickelten.

Die elektrische Gitarre reifte heran, ging in Serienfertigung und einer ihrer Interpreten brachte Eltern- und Lehrerverbände gegen sich auf, schockierte mit abweichenden Moralvorstellungen, Rassenvermischung und Gottlosigkeit das bürgerliche Amerika, dessen Zensurversuche die Popularität nur steigerte – Elvis Presley. Der Film ‚Jailhouse Rock‘, erst 2004 als als kulturell, historisch und ästhetisch besonders wertvoll eingestuft, enthielt mit dem gleichnamigen Leiber/Stoller-Song eine Tanzszene, die als Urform des Musikvideos angesehen wird. Dann absolvierte der einstige Bürgerschreck seinen Militärdienst, davon 2 Jahre als GI hier in Deutschland, was etwas Feenstaub hierher importierte und sogar seine bittersten Gegner im anständigen Amerika überzeugte, was ihn noch erfolgreicher machte.

Zur gleichen Zeit machten sich ein paar Liverpooler Jungs auf den Weg nach Hamburg. Sie waren nicht die einzigen. Aber was führte die Beatles grade hierher?

Eines Abends im Jahr 1951 lud der Geschäftsführer eines Mittelwellesenders in Nebraska, Todd Storz seinen Programmdirektor Bill Stewart zu einem kreativen Gespräch in ein Lokal ein. Es wurde spät und immer mehr Gäste verließen das Lokal. Da beobachteten die Beiden, dass die Kellner ihr Trinkgeld in die Musikbox steckten und dieselben Songs drückten, die sie schon den ganzen Abend gehört hatten. So wurde die limitierte Playlist und das erste Format, als ‚Top 40‘ bezeichnet, erfunden.

Diese Erfindung hatte nicht nur für’s amerikanische Radio eine Bedeutung, sondern auch für Gastronomen die mit Livemusik Gäste anlocken wollten. Fast überall auf der Welt wurden Coverbands gebucht, die eben diese Top 40 drauf hatten.

Dazu kommt, wie ich grade während der WM im Mutterland des Fußballs erleben musste, dass sogar in London trotz Verlängerung und Elfmeterschießen die Polizeistunde streng eingehalten wird. ‚Last Order‘, dann Putzlicht an und keine Drinks mehr.

In Hamburg lagen die Anforderungen in den 60ern ganz anders. Mit einem Hafen voller Stückgutfrachter, deren Liegezeiten so lang waren, dass die damaligen personell auch größeren Schiffsbesatzungen noch Landgang hatten und somit die ganze Nacht ein nach Unterhaltung suchendes internationales Publikum auf den Kiez entließ. Deutschlands Schlagerwelt hätte diesen Seeleuten nichts bedeutet und so wurden die Bands verpflichtet, mehrere Konzerte pro Nacht zu geben. Bei dem kulturellen Mischmasch war dabei Top 40 ja eh kein Kriterium und man ließ den Bands dafür freie Hand.

Nun gab es auch noch keine Mischpulte und keinen Soundengineer bei den Konzerten, was die Beatles damit lösten, indem sie ihren berühmten mehrstimmigen Gesang entwickelten, um sich gegen die lauten Gitarren und Schlagzeug durchzusetzen zu können.

Mit der Erfindung der Container verlagerte sich in den 70ern die Hamburger Szene beispielsweise nach Altona in die vom Maler Horst Dietrich gegründete Fabrik oder auch nach Eppendorf ins Onkel Pö.

Udo Lindenberg holte die deutsche Rockmusik aus dem Nischendasein und international veränderte die voranschreitende Entwicklung von Synthesizern den Sound. Diese Entwicklung erreichte mit einem der ersten digitalen Synthesizer, dem Kurzweil K250, dem ersten vollelektronischen Klangerzeuger der einen Flügel überzeugend reproduzieren konnte seinen Höhepunkt, sie ahnen es wahrscheinlich schon, im Jahr 1984.

Den Nichtmusikern ist dessen Erfinder Ray Kurzweil eher als Autor zahlreicher Bücher und Futurist bekannt. Er ist der heutige Leiter der technischen Entwicklung bei Google.

Synthesizer waren auch soundspezifisches Merkmal der Ende der 70er noch unkommerziellen von Punk und New Wave inspirierten „Neuen Deutschen

Welle“. Als ich in der Debatte um die Radioquote Claudia Roth fragte, was ein Oldie-Sender denn da spielen könnte, nannte sie mir wie aus der Pistole geschossen „Abwärts“. Toll, dass ihr da als erstes eine Hamburger Band in den Sinn kam, den Oldie-Begriff fand ich da aber allerdings etwas zu weit ausgelegt. Die NDW-Phase war nämlich äußerst kurz und sehr schnell kommerziell überhitzt.

Interessanterweise auch davon gekennzeichnet, dass beispielsweise die Berliner Band „Foyer des Arts“ „Wissenswertes über Erlangen“ verbreitete, Frl. Menke „Hohe Berge“ besang, die Deutsch Amerikanische Freundschaft in Wuppertal begründet wurde und den Mussolini tanzen ließ, Joachim Witt als Goldener Reiter die Klinik an der Umgehungsstraße ansteuerte, Extrabreit von der Weltstadt Hagen aus auf Tour ging und Geier Sturzflug aus Bochum Gerüchten nach Helmut Kohl glauben ließen, die Steigerung des Bruttosozialprodukts sei ihm gewidmet.

Und ein Trio druckte seine Absenderanschrift gleich auf’s Plattencover, Großenkneten, und die englische Version von Da Da Da wurde in 30 Ländern veröffentlicht. Passend zum letzten großen Hit „Turaluraluralu – ich mach Bubu, was machst Du“ schlief die Neue Deutsche Welle 1984 wieder ein und machte Platz für einen neuen, echten Superstar aus Bochum: Herbert Grönemeier besang „Männer“ in die Charts.

Natürlich erzähle ich Ihnen diese Historie nicht nur, weil ich mit Musik vertraut bin und auch nicht weil sich alle meine Darstellungen so schön mit Fakten belegen lassen. Ich erzähle diese Historie, weil ich eine Kindheit im Unverständnis verbracht habe, dass es aufzuarbeiten galt, womit ich etwas deutlich machen möchte: „Mach die Negermusik aus“ ermahnten mich Erwachsene beim Hören der Beatles. Wie sollte ich das angesichts der Pilzköpfe als Kind verstehen? Mit 10 Jahren kam ich auf ein Internat wo das Hören jeglicher Musik sogar verboten war, außer im Musikunterricht eines Lehrers, der nach meiner Zeit wegen seiner nationalsozialistischen Gesinnung aus dem Schuldienst entlassen wurde.

Es war die Rebellion, die mich magisch anzog

– ohne zu wissen, dass ein weißer Journalist die Musik der Farbigen dem Rassismus entrissen hatte

– ohne zu wissen, dass weiße Songwriter die Roots farbiger Sklaven für weiße Interpreten weiterentwickelt hatten

– und mit aller meiner Naivität glaubte ich an die permanente Revolution durch das ständige Aufbegehren der Musik.

Ob Psychedelic, Heavy Metall, Rap oder Punk, nichts war mir mehr fremd als ich meine eigene extrovertierte Seite entdeckte und zu Trommeln begann.

1984 schrieben die Journalisten über Michael Jackson, dass mit ihm ein farbiger Musiker wohl seine Haut bleichen lassen und sich Operationen unterziehen würde, um seine farbige Herkunft abzuschütteln. Über Prince schrieb die Presse, dass er auf Grund seiner Herkunft so stark von weißer Rockmusik geprägt sei, dass er nun in der Lage sei seine weiße Musik auch vor Farbigen glaubwürdig vertreten zu können. Wie wir wissen hat es noch ein Weilchen zum ersten farbigen Präsidenten der USA gebraucht, aber an den Erklärungsversuchen des absoluten Mainstreams war etwas dran.

Die ehemaligen Fronten waren scheinbar versöhnt und alle hörten, was politisch korrekt und noch nie da gewesener Mainstream war. Dazu gehörte dann auch die kommerziell erfolgreichste Sängerin der Welt, die 1984 ihren internationalen Durchbruch mit „Like a Virgin“ feiern konnte: Madonna. Wer die Musikbranche ein wenig kennt, weiß, dass diese 84er Künstler Rekordhalter sind und bleiben.

Und Einen nenne ich noch gewagt dazu, obwohl er nicht in absoluten Zahlen ein Superlativ ist, den Workaholic, den Anti-Star: Phil Collins. Nach erneuter Arbeit mit Genesis war er 1984 damit beschäftigt Philip Bailey zu produzieren, wofür noch eine Nummer mit Hit-Potential benötigt wurde, die hieß dann „Easy Lover“. 1985 kam dann auch der Rolling Stone nicht umhin Phil Collins zum Weltstar zu küren und ich nenne ihn, weil es in meinen subjektiven Ohren 1984 kein Radioprogramm gab, das nicht mindestens einen Song von ihm rotieren ließ.

Nach der Massenhypnose ‚Mainstream‘ blieb die Musikgeschichte nicht stehen, aber weder Curt Cobain beförderte Grunge in diese Position, noch konnte der Hamburger Alex Christensen mit U 96 trotz Platz 1 in den Charts für ‚Das Boot‘ Techno in die Mitte der Gesellschaft rücken. Eminem verhalf dem Hip Hop zwar zur Geltung, aber ohne dass das heute Mainstream wäre und ich wage die Behauptung, dass Mainstream wie im Jahr 1984 auch nicht mehr möglich sein wird.

Die Musikgeschmäcker differenzieren sich auseinander und die Sehnsucht nach ‚Gleichschaltung‘ ist gestillt.

Alles existiert und wird nebeneinander toleriert, sogar an die Neue Deutsche Welle wird angeknüpft, wenn man sich heute die Bands der ‚Hamburger Schule‘ anhört. Mit dem 1984 gegründeten Band Aid von Bob Geldof und Midge Ure und dem #1 Hit „‚Do they Know it’s Christmas“ verlasse ich die Musik für die vielen visuellen Menschen hier und werfe ein Blick auf den Musikbegleiter: Die Mode

Die 50er waren bestimmt vom Petticoat, den engen Bleistiftröcken für den eleganten Hüftschwung und für die mutigen Damen die dreiviertellange Caprihose. Die Männer waren mit Lederjacke, Elvis-Tolle und Koteletten Bart perfekt gestylt.

Psychedelische Farbkombinationen prägten die 60er, in denen Hosen für Frauen Normalität wurden, dafür der Minirock den Trendsetterinnen die Möglichkeit zum Provozieren gab. Die Herren trugen Rollkragenpullover und Jeans und lange Haare und Gammel-Look waren für beiderlei Geschlecht zum Ende des Jahrzehnts en Vogue.

Mit den ‚Hot Pants‘ gelang es in den 70ern erneut zu schockieren, was durch eine verspiegelte sogenannte Pornobrille bestens zu beobachten war und dazu auch cool rüberkam. In der Kombination mit einem Maximantel und farbigen Strumpfhosen ein begehrter ‚Nutten-Look‘. Ansonsten war Geschlechtertrennung eher out in der Zeit des Flower Power und des bunten Hippielook. Trompetenärmel zu Schlaghosen oder hautengen Jeans auf Plateauschuhen. Zum Parka mit aufgemalten, entmilitarisierenden Peacezeichen trug man Stiefel, entsprechende Modefarbe war Khaki. Über den Batik-T-Shirts Fransenjacke oder Lammfellmantel und manche Damen bevorzugten indische Kleider und färbten die Haare mit Henna. Die Haare der Punks waren gerne grün, orange und selten sehr stylisch Türkis, aber die Sicherheitsnadel durch Nase oder Backe ein muss, allenfalls gekrönt von einer auf der Schulter getragenen Ratte.

Ganz unsexy begannen die 80er. Schulterpolster sollten angeblich schlank machen, dazu ‚Vokuhila‘ tragende Herren mit schmalen Leder-Krawatten und Bundfaltenhosen, alternativ auch bunt gemusterte weite Pullover und ganz kreativ wurde das Netz-Hemd auch überm Pulli getragen, allerdings nicht von denjenigen, die im Polohemd und Tennissocken unterwegs waren. Die Damen liebten ihre Schlabberpullis und trugen Leggins. Erinnern sie noch die Kinderherzen erobernde, aus Japan stammende Affenfigur Monchhichi? Es blieb uns nichts erspart!

Im Jahr 1984 gab es dann doch einen viel diskutierten Skandal um Mode, die allerdings so tragbar war, dass ein gutes Stück von vor 30 Jahren heute niemandem als etwas Besonderes auffallen würde. United Colours of Benetton startete die Werbekampagne mit den provokanten Botschaften des Fotografen Oliviero Toscani, der damit auf gesellschaftliche Missstände hinweisen wollte.

Seit dem auch hier die friedliche Koexistenz und Wiederholung vergangener Stile, außer Nippelgate fallen mir beim besten Willen keine modischen Skandale mehr ein. Einzig ein modisches Accessoire erscheint mir wirklich neu: auffallend viele junge Leute tragen Kopfhörer um den Hals, was vielleicht ausdrücken soll, dass Musik bis heute Teil der Jugendkultur ist.

Meine Ausführungen beziehen sich ja auf das Jahr, in dem die letzte Szene des Filmklassikers „Zurück in die Zukunft‘ abgedreht wurde, was ja eine Überschrift meiner heutigen Darlegungen hätte sein können. Ich möchte Ihnen wenigstens kurz die darin genutzte ‚Zeitmaschine‘ vor Augen führen: Den keilförmigen ‚DeLorean DMC-12‘. Windschnittig und eckig waren die Autos der Achtziger.

‚Generation Golf‘ titelte später ein Buch über die Jugendlichen der Achtziger und deren Markenbewusstsein. Nehmen sie die Silhouette des VW Golf im Profil und ziehen sie in die Länge, so sah der Ferrari aus. Stauchen sie diese Form kommt ein Van, die eigentliche automobile Innovation der 80er, vom großen Chrysler Voyager bis zum kleinen Mitsubishi heraus.

Der Sicherheitsgurt wird 84 Pflicht und die Bundesregierung beschließt im September, wohl als Korrektur auf Grund einer wissenschaftlichen Erkenntnis, die Einführung des Katalysators. Unter Sicherheitsaspekten gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern ist heute das Eckige dem Runden gewichen. Obwohl die Autos heute viel mehr können ist die Begeisterung dafür inzwischen etwas für Nostalgiker und Modelle, deren Keilriemen noch

quietschten. In meiner Erinnerung habe ich zuletzt 1984, auf einen Samstag, meine Nachbarn beim Waschen ihres Autos vor der Haustür gesehen.

Nun kann ich ja nicht vor der Freien Akademie der Künste sprechen, ohne auf die Kunst selbst zu sprechen zu kommen. Zumal ich ja selbst genau Anfang der 80er Jahre Kunst studiert hatte, bis ziemlich genau 1984. Keine bange, den Kunsthistoriker werde ich jetzt nicht abgeben, nicht über Andy Warhols Beziehung zur Musik reden und zur Popart nur den mir in Hamburg zu unbekannten Umstand ansprechen, dass die Fassadenmalerei von Werner Nöfer am Grünspan im Entstehungsjahr 1968 das größte Pop-Art Gemälde der Welt war. In einer Stadt, deren erste Kunsthalle von der Handelskammer errichtet wurde, ist das ja keine Selbstverständlichkeit.

Nun, ich war in der Meisterklasse von Harald Duwe an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel. Wie es meine Art war zog ich, nachdem ein Student wegen Malens und Zurschaustellung eines surrealistischen Bildes der Klasse verwiesen wurde mit meiner Staffelei ebenfalls auf den Flur. Als seine Klasse aber in eine Ausstellung von Arnulf Rainer gebeten wurde, ausschließlich um uns sein Geläster über solche Kunst anzuhören, platzte mir der Kragen und ich belegte ohne Immatrikulation Kurse an der HfbK, die mich, wie ich kürzlich erfuhr, seitdem als Alumni führt. Hier steppte der Bär andersherum, gegenständliche Malerei wurde als Fotojournalismus verpönt und es gab Veranstaltungen, auf denen Dozenten und Studenten auf den Tischen tobten und sich gegenseitig anschrien.

Der Kunststreit Abstrakt gegen Gegenständlich hatte Tradition seit Jahrhundertbeginn und war wieder quicklebendig. Gegenständlich hieß politisch, sozialistisch und nicht frei – ein echter Glaubenskrieg. Dem einen Spießer grad entronnen konnte ich nicht einfach in das andere Lager wechseln.

Vergleichbar mit der Neuen Deutschen Welle in der Musik, gab es aber zu der Zeit auch Maler eines erzählfreudigen, unbekümmerten Neoexpressionismus voller freizügiger Selbstbekenntnisse, auf die ich hoffte: Die ‚Neuen Wilden‘. Die ‚Zeitgeist‘ Ausstellung im Berliner Gropius-Bau hatte mich gepackt. Aber schon die Ausstellung von Sept. bis Dez. 1984 ‚Von hier aus – Zwei Monate neue Kunst in Düsseldorf“ ist heute im Rückblick wohl die bedeutendste Rückschau innerhalb Deutschlands auf die Kunst der 80er Jahre, mit anderen Worten: der Zeitgeist der 80er war im Orwellschen Neusprech-Superlativ ausgedrückt Doppelplusultrakurz.

Harald Duwe verunglückte am 15. Juni 1984 tödlich bei einem Verkehrsunfall und bei der Trauerfeier erfuhr ich, dass ich eigentlich sein

Protegé gewesen sei. Aus später Einsicht habe ich inzwischen einen Wikipedia-Eintrag über ihn verfasst.

Aber 1984 hieß es erstmal, in der von Jörg Immendorf neu eröffneten Kneipe ‚La Paloma‘ am Hans-Alberts-Platz unter den Bildern von Beuys, Penck, Lüppertz, Baselitz und Schnabel abzufeiern. Wie eine Versöhnung wirkt 1984 die Gründung des „Ludwig-Institut für DDR Kunst“ in Oldenburg und tatsächlich ist es still um diesen Kunststreit geworden.

Auch das Schauspielhaus kehrte in sein Stammhaus zurück und die Stadt ging auf die Forderung der freien Theatergruppen ein und setzte den Abriss der Kampnagel-Hallen aus, solange die Vorstellungen vom Publikum angenommen werden würden. Heute gehört die Kampnagel zu den größten Off-Locations für darstellende Kunst in Europa.

Richtig rund geht’s in den Medien und das Zeitalter der 3 öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramme geht zu Ende. Am 1. Januar 1984 startet Sat 1 mit einem rotierenden Ball in den Regenbogenfarben als Logo, dass wir heute für einen bevorstehenden Computerabsturz halten würden. Am Tag darauf sendete noch aus Luxemburg das Programm mit Hans Meiser und Geert Müller-Gerbes unter dem Programmchef Helmut Thoma und dem Namen RTLplus, was sogleich eine Erfolgsgeschichte mit „Titten und Tennis“ werden sollte.

Der Duale Rundfunk war geboren und als öffentlich-rechtliche Reaktion wird die ARD erstmal in Erstes Deutsches Fernsehen umbenannt und erhält die 1 als Logo.

Noch ganz analog mit der Lösung des Zauberwürfels beschäftigt, konnten wir zwar schon im Jahr 83 einen Commodore C64 für damals noch sündhaft teures Geld kaufen, der erst zum Weihnachtsgeschäft im Preis nachließ. Am 24. Januar 84 wurde von Steve Jobs der erste Macintosh 128k vorgestellt. Die erste in Deutschland empfangene E-Mail ist auf den 2. August des Jahres datiert.

Im ganzen Jahr wurde das sogenannte C-Netz aufgebaut und offiziell 1985 eingeführt, ein noch analoges Mobilfunknetz für vornehmlich

begehrtes Diebesgut: die Autotelefone. 85 kamen auch schon sogenannte Portables auf den Markt, kleine Kisten mit Tragegriff, langer Antenne und einem angeschlossenenTelefonhörer.

Auf Grund dieser Innovationen werden heute die 1984 und später Geborenen als die „Digital Natives“ bezeichnet.

Eine diesbezügliche Vorhersehung hatte der kanadische Kommunikationstheoretiker Mashall McLuhan schon 1962 mit der Prägung des Begriffs „The Global Village“. Und schon zwei Jahre später schrieb er in ‚Understanding Media‘ den berühmten Satz „The Medium is the Message“. In seinem gleichnamigen Werk 1967 machte der Schriftsetzer einen Fehler und titelte „The Medium is the Massage“ und McLuhan bestand darauf: „Lass es so! Es ist großartig und genau richtig“

Es wurde sein bestverkauftes Werk und mit der Verballhornung seiner eigenen These deutet er in die Richtung, wohin die Reise geht.

Viele hielten ihn deshalb für einen Freak, aber in diesem Buch schrieb er schon damals: „Zu viele Leute wissen zu viel übereinander. Unsere neue Umgebung erzwingt Einsatz und Partizipation. Unumkehrbar sind wir in sie involviert worden und füreinander verantwortlich.“

Ausgerechnet 1984 begannen die drei Innovationen, Personal Computer, Mobiltelefon und Internet, in unser Leben zu treten.

Heute halten wir sie in einem Gerät in der Hand und erkennen, dass wir das Industriezeitalter längst verlassen haben und das Technologiezeitalter wie eine wohltuende Massage willkommen geheißen haben. Erstaunlich, dass ein angeblicher Freak uns das schon vor den Studentenunruhen zu sagen hatte.

Nun wissen wir heute, dass grade das Internet für die Wissenschaft enorme Fortschritte gebracht hat. Das war 1984 noch nicht so ausgereift und so wurde in Frankreich der LAV und in den USA der HTLV-III Virus entdeckt, die erst später als ein und dieselbe Entdeckung erkannt und dann HIV genannt wurden. Darüber, ob die Krankheit AIDS dem Konzept der freien Liebe aus den 70ern ein Ende gesetzt hat möchte ich gar nicht spekulieren, blöd genug für diejenigen, deren Sexualität sich in diesem veränderten Bewusstsein entwickeln musste und manchmal mittelalterlich was von „Strafe Gottes“ bis zur Homophobie in dieser Zeit zu erleben war. Vermutlich tat sich die Bundesrepublik deshalb auch so schwer und der Paragraph 175 konnte erst 1994 abgeschafft werden.

Die erkannte Bedeutungslosigkeit unserer Existenz förderte aber auch das Nachdenken über unser Verhalten auf unserem Planeten. Das Waldsterben hatte 1/3 des Waldes erfasst, 1984 erlebte Hamburg den Dioxin Skandal, in dessen Folge Boehringer schließen musste, und die Bophal Katastrophe in Indien gilt bis heute als das schlimmste Chemieunglück der Geschichte. Dieses Umfeld hatte politische Konsequenzen auch bei uns. So zogen 1983 Die Grünen in den Bundestag ein und wurden 1985 erstmals Koalitionspartner mit dem Turnschuhminister Joschka Fischer in Hessen. Die Parteiprogramme der anderen Parteien wurden entsprechend nachgebessert und die neue bundespolitische Ära unter Helmut Kohl hatte fast bis zur Jahrtausendwende Bestand.

Nach so vielen Wendungen, die sich auf das Orwell Jahr datieren lassen, muss ich auch einmal anmerken, was in diesem Jahr nicht geschah: Seit Beginn der 80er Jahre rumorte es und beschäftigte die Gerichte, bis schließlich am 15. Dezember 1983 das informelle

Selbstbestimmungsrecht im Volkszählungsurteil vom Bundesverfassungsgericht erklärt wurde und der dadurch notwendiger Weise neu gestaltete Fragebogen der letzten deutschen Volkszählung erst 1987 wieder vorgelegt werden konnte. Auf Grund der Proteste gegen den Überwachungsstaat und der fehlenden Akzeptanz gab’s keine Volkszählungen mehr bis 2011 auf Europaebene.

Auch im Hinblick auf derzeitige Konflikte lohnt der Blick in diese Wendejahre. Nachdem im Herbst 83 über einer russischen Militärbasis die Passagiermaschiene Korean Airlines 007 abgeschossen worden war, das unglücklicher Weise die Route eines amerikanischen Spionageflugzeugs kreuzte, lagen die Nerven auf beiden Seiten blank.

Es folgte der Fehlalarm eines amerikanischen Angriffs auf die Sowjetunion, der grade noch in letzter Sekunde als solcher erkannt werden konnte und sich später als Sonnenreflektionen herausstellte.

Am 22. Oktober demonstrierten 1.3 Millionen Menschen in Deutschland gegen Nachrüstung und den Nato-Doppelbeschluss. Tags drauf wurden auf Grund eines Anschlags in Beirut weltweit alle US-Militärstützpunkte in Alarmbereitschaft versetzt. Wegen eines Flughafenbaus, der von den Sowjets hätte genutzt werden können, ordnete Reagan 2 Tage später die völkerrechtswidrige Invasion auf Grenada an.

Das daran anschließende europaweite Nato Manöver eines Atomkriegs, „Able Archer“, unter Einbeziehung aller verfügbarer Truppen, versetzte die Warschauer Pakt Staaten in große Panik und der Westen beobachtete die Mobilmachung atomarer Bomberverbände in mehreren Republiken.

Die im vergangenen Jahr freigegebenen Dokumente werden heute so interpretiert, dass zu diesem Zeitpunkt die Wahrscheinlichkeit eines Atomkriegs größer war als zur Zeit der Kuba-Krise. Die weiterhin betriebene Stationierung der Pershing II Raketen, das von Reagan intensivierte ‚Star Wars Programm‘ und seine scherzhafte nukleare Kriegserklärung bei einer Tonprobe brachte die russischen Militärs immer wieder in höchste Alarmbereitschaft und deren Operation „Ryan“ lief erst mit dem Tod des KGB-Vorsitzenden Juri Andropow und des Verteidigungsministers und Marschalls Dmitri Ustinow am Jahresende von 84 aus.

Die Nervosität konnte erst 85 vom neuen Präsidenten Gorbatschow wieder beruhigt werden, was ihm später einen vorübergehenden KGB Putsch einbrachte. Dass 1984 die DDR Flüchtlinge mit ihrem Hungerstreik in der Prager Botschaft ein Vorzeichen auf größere Ereignisse werden sollten, konnten wir damals noch nicht ahnen.

Vermutlich bin ich nicht der Einzige, der erst durch das Auftreten der IS Truppen von den Jesiden Kenntnis nahm. Deren verehrter stolzer Engel Pfau soll ihrem Glauben nach in die Hölle verbannt worden sein, wo er bitterlich bereute und über Jahrtausende so viele Tränen vergoss, dass die Feuer der Unterwelt erloschen seinen, woraus die Islamisten ihnen heute die ‚Teufelsanbeterei‘ unterstellen.

Anders lagen die Dinge 1984 im Krieg zwischen Iran und Irak. Alleine die iranische Frühjahrsoffensive unter der Führung von Ali Chamenei, dem heutigen Staatsoberhaupt, forderte 30.000 tote Soldaten, darunter tausende Kindermärtyrer mit einem der 500.000 aus Taiwan gelieferten Plastikschlüssel zum Aufschließen des Paradieses um den Hals.

Als Minenräumer, jetzt zitiere ich aus einer Zeitung aus 1984 über eine Innovation, „hüllen sich die Kinder vor dem Betreten der Minenfelder in Decken ein und rollten auf dem Boden, damit ihre Körperteile nach der Detonation der Minen nicht auseinanderfallen.“ Zitat Ende.

Die Eltern sollen dafür Prämien erhalten haben. An eine besondere Anteilnahme unsererseits kann ich mich nicht so recht erinnern.

Dafür aber an die Motive, die damals zur Gründung des bereits erwähnten Band-Aid Projekts geführt hatten: 1984 sterben alleine in Äthiopien pro Monat 20.000 unterernährte Kinder und die angrenzenden Länder der Sahelzone mitgezählt verhungern bis einschließlich 1985 schätzungsweise 2 bis 3 Millionen Menschen.

Auf den Libanonkrieg, die ‚Operation Moses‘ mit 7000 jüdischen Flüchtlingen aus dem Sudan, den israelischen Überfall auf 2 Flüchtlingslager, die PKK Offensive im Konflikt mit der Türkei oder gar den Hungerstreik von 34 RAF Häftlingen gehe ich gar nicht weiter ein, denn schon bei den direkten Vergleichen fällt mir auf, dass der menschliche Wahnsinn zwar nicht abgeschafft ist, aber doch deutlich geringer ausfällt als vor 30 Jahren. Von einem Blick in noch weiter zurückliegende Vergangenheit mal ganz zu Schweigen.

Dennoch ist es trotz aller Fortschritte bis heute nicht gelungen, dass alle Menschen den Schutz der Menschenrechte in Anspruch nehmen können, besonders auf Leben und Freiheit, auf Unversehrtheit und Gleichheit, auf Informations- sowie Religionsfreiheit und viele Rechte mehr.

In einer Welt, in der heute täglich ein Datentransfer von mehr als dem 2.500-Fachen der Datenmenge aller jemals geschriebenen Bücher durch das Internet stattfindet, ist das von dem vermeintlichen Freak McLuhan beschriebene ‚Globale Dorf‘ längst Wirklichkeit geworden. Und auch er warnte, ähnlich wie Orwell, vor einer kollektiven Identität und Missbrauch, bis hin zum Totalitarismus und Terrorismus, falls auf die Gefahren nicht angemessen reagiert würde.

„Big Brother“ ist eben nicht nur eine Unterhaltungsshow.

Glaubte George Orwell noch, die Menschen müssten gefügig gemacht werden, so bewahrheitet sich eher Ray Kurzweils Prognose aus den 90ern, dass wir aus Bequemlichkeit in totale Abhängigkeit geraten. Die Steigerung der Effizienz führt weg von aufwendiger

Fremdausbeutung zur viel produktiveren Selbstausbeutung.

„Wir sind nicht Kunde sondern das Produkt“ schreibt sinngemäß der, jetzt am kommenden Sonntag mit dem „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“ auszuzeichnende, Informatiker Jaron Lanier in seinem Buch „Wem gehört die Zukunft“. Da er die Risiken der Digitalisierung für die freie Lebensgestaltung der Menschen erkannt habe, wird in der Begründung zur Auszeichnung seine Wachsamkeit gegenüber Unfreiheit, Missbrauch und Überwachung ausdrücklich betont. Wer sein Buch kennt, wird allerdings bemerkt haben, dass ich nicht alle seine Auffassungen teile, weshalb ich auf ihn nur, als einen der wichtigen zeitgenössischen Mahner unter den Internet-Protagonisten, aufmerksam machen möchte.

Wie weit wir von ‚Fair Trade‘ entfernt sind beschreibt auch sehr simpel der Philosoph Han die heutige, digitale, vom Feudalismus des

Mittelalters eingeholte Gesellschaft: „Die digitalen Feudalherren wie Facebook geben uns Land, sagen: Beackert es, ihr bekommt es kostenlos. Und wir beackern es wie verrückt, dieses Land. Am Ende kommen die Lehnsherren und holen die Ernte. Das ist eine Ausbeutung der Kommunikation. Wir kommunizieren miteinander, und wir fühlen uns dabei frei. Die Lehnsherren schlagen Kapital aus dieser Kommunikation. Und Geheimdienste überwachen sie. Dieses System ist extrem effizient. Es gibt keinen Protest dagegen, weil wir in einem System leben, dassdie Freiheit ausbeutet.“

Mir erklärte mal Jemand seinen Reiz an Zombie-Filmen damit, dass grade das Unrealistische den Schauder so umgänglich macht. Sicher haben Sie einen Zombie vor Augen, wenn ich ihn beschreibe: Der Kopf ist nach vorne gebeugt, auch die Schultern fallen nach vorne und spannungslos die Arme vor den Körper. Mit kleinen orientierungslosen Schritten tasten sich die Füße über den Grund.

Behalten Sie dieses Bild im Kopf und drücken ihm ein Smartphone in die Hand – nun hab ich etwas angerichtet und sie werden immer „Zombie“ denken, wenn Sie wieder solche Gestalt vor sich sehen, die ja längst zum Stadtbild dazu gehört.

Und die Insider unter Ihnen haben natürlich den „Duwe Schüler“ wiedererkannt – „kritischer Realismus“ eben 🙂

Orwells Roman wurde dieses Jahr wieder in den Bestsellerlisten geführt und wenn man sich die Motive seines Protagonisten Winston Schmith vor Augen führt,  drängen sich aktuelle Parallelen auf. Bei seiner Arbeit im ,Ministerium für Wahrheit‘ kommen ihm immer mehr Zweifel über die Richtigkeit seines Tuns. Mit Tagebuchnotizen hält er Erinnerungen fest, die in eine immer größere Diskrepanz zur offiziellen Geschichtsschreibung geraten, was ihn zu dem verhängnisvollen Verlangen führt mit der Untergrundbewegung in Kontakt zu treten.

„Ich erkannte, dass ich Teil von etwas geworden war, das viel mehr Schaden als Nutzen brachte“ zitiere ich Edward Snowden zu seinen Zweifeln, die ihm bereits 2007 gekommen waren. Im vergangenen Jahr ging er, im Bewusstsein der persönlichen Konsequenzen, an die Öffentlichkeit „weil er es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren könne, dass die US-Regierung die Privatsphäre, die Freiheit des Internets und grundlegende Freiheiten weltweit mit ihrem Überwachungsapparat zerstöre.“

Seit der Auswertung und sukzessiven Veröffentlichung seiner Enthüllungen vergeht kein Monat mehr, der uns nicht aufzeigt, wie weit die Überwachung über unser bisheriges Vorstellungsvermögen hinaus schon fortgeschritten ist und sich auf alle gängigen Kommunikationstechniken erstreckt. Der Begriff ‚Whistleblower‘ mutet heute schon wie eine Berufsbezeichnung an. Doch trotz des überbordenden Ausmaßes gibt man sich eher erstaunt und allenfalls zurückhaltend empört, denn Geheimdienste tun ja genau dieses nun mal.

Aber wir machen kräftig mit, wie es Dave Eggers in seinem, grade als eine zeitgemäße Zukunftsvision von Orwells 1984 besprochenem Roman „The Circle“ beschreibt. Ein Buch über den Totalitarismus der Transparenz in der Weböffentlichkeit, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. Das Mitarbeitermotto des gleichnamigen Apple-Google-Facebook-Twitter-Konzerns lautet etwas überzeichnet, dass Geheimnisse Lügen und Privatleben Diebstahl bedeute.

Nun bin ich persönlich, als ehemaliges Internatskind, nicht einmal empfindlich im Hinblick auf Privatsphäre, aber die Tyrannei der Algorithmen weckt auch in mir das Unbehagen, nicht mehr objektiv, chaotisch und überraschend auf Dinge im Internet zu stoßen, sondern gefiltert, ‚optimiert‘ und wie in einem Kokon von unsichtbarer Hand geführt zu werden.

Wir wissen um Psycho-Experimente auf Facebook. Daher war ich nicht einmal überrascht, nach einem geschäftlichen Treffen auf dem Reeperbahnfestival meinen Gesprächspartner sogleich von Facebook für eine Freundanfrage vorgeschlagen zu bekommen. Durch Geolocating hat Facebook wohl vom Treffen zweier Mobiltelefone mitbekommen.

Noch spannender ist, was Facebook schon weiß, bevor wir es selbst überhaupt wissen. Natürlich wertet Facebook das Kommunikationsverhalten seiner Nutzer aus und kann auf Grund der hohen Fallzahlen kleinste Veränderungen sofort richtig interpretieren, da haben Sie sich selbst das noch gar nicht bewusst gemacht. Wenn Sie also eines Tages beispielsweise ihren Beziehungsstatus ändern sollten, sagen Sie Facebook bestimmt nichts Neues und ihre Freunde erfahren es zuletzt, immerhin.

Auch Amazon versteht sich auf den Umgang mit der Transparenz, auch wenn eine ARD-Reportage auf sehr klassische Weise enthüllt hatte. Auf besonders naive Kommentare zu der Beschäftigung der Neonazi-Ordner des Unternehmens H.E.S.S. hatte ich im Rahmen des ausgebrochenen Shitstorms reagiert und wurde am nächsten Morgen von einem meiner Mitarbeiter angesprochen, der bei Amazon angerufen hatte um einen neuen Künstler dort hochladen zu können. „Warum sollten wir Dir den Gefallen tun, hast Du nicht

gelesen, was Dein Chef heute Nacht von sich gegeben hat?“ vernahm er als erste Reaktion. Sie haben ihm den Gefallen dennoch getan und ich war sehr beeindruckt, dass trotz der Datenflut eines Shitstorms hier betriebsintern die Zuordnung offensichtlich reibungslos klappt.

Es bedarf aber nicht einmal eigener Aktivität im Internet:

Mit der zweitgrößten Übernahme seiner Firmengeschichte hat Google den Hersteller von Rauchmeldern und Heizungsthermostaten „Nest“ für 3,2 Milliarden Dollar zu Jahresbeginn übernommen. Ziel sei wichtige Haushaltsgeräte neu zu erfinden, erklärte Google ganz im Trend des „Internet der Dinge“ und der automatisierte Haushalt wird vermutlich auch schon sehnsüchtig erwartet. Die „Nest“-Kooperation mit dem Armband-Messgeräten von ‚Jawbone‘ und einer Bank wird so angepriesen: „Gesundes Leben ermöglicht gesunde Finanzen“. Im Juni folgte dann für 555 Millionen Dollar Google’s Übernahme des Überwachungskamera-Herstellers „Dropcam“. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen mit unserer Gesundheit in unserem Smart-Home der kommunizierenden Haushaltsgeräte. „Selbstoptimierung“ wird das genannt und verdächtig oder Kredit- bzw. Krankenversicherungsunwürdig wird derjenige, der zu wenig Daten produziert.

Wie das mit der Daten-Weitergabe funktioniert wissen wir jetzt ebenfalls, denn letzten Monat wurde bekannt, dass Yahoo von der US-Regierung zur Herausgabe von Millionen Nutzerdaten in einem Geheimprozess unter Androhung einer täglichen Geldbuße in Höhe von 250.000,- Dollar gezwungen wurde.

Transparenz darf nicht die Entrechtung von Menschen umfassen. Dem werden Sie vermutlich zustimmen. Diesen Gedanken assoziiere ich mal mit einem weiteren  Zitat von Han: „Der unsterbliche, maschinelle Mensch, der den Posthumanisten wie Ray Kurzweil vorschwebt, wird kein Mensch mehr sein. Vielleicht werden wir irgendwann mithilfe von Technik Unsterblichkeit erlangen können, dafür werden wir das Leben verlieren. Wir werden Unsterblichkeit erreichen um den Preis des Lebens“ Zitat Ende. Da ist er wieder, der Untote, der Zombie.

Wieso interessieren wir uns für unsere Persönlichkeitsrechte erst, seitdem wir wissen, dass die Bundeskanzlerin abgehört wurde, was ja eigentlich am wenigsten verwundern sollte? Statt Protesten gegen Überwachung entblößen wir uns aus freien Stücken. Wir wähnen uns in Freiheit und sind uns unserer Unterworfenheit nicht einmal bewusst. Statt gemeinsam gegen diese neue Ordnung zu rebellieren, reagiert die Gesellschaft grassierend mit individuellen Depressionen und persönlichem Burn Out, jeder gegen sich selbst. Und schon greift die nächste Stufe der „Selbstoptimierung“ mit angeblich helfender Hand nach uns!

Eingangs habe ich die Menschenrechte und Orwells Befürchtungen als die einerseits helle und andererseits dunkle Seite unserer Gesellschaft beschrieben. Und wie so häufig bewegt sich die Kunst an diesen Abgründen, meist freiwillig um uns zu spiegeln, manchmal unfreiwillig und isoliert wenn sie angegriffen wird.

Paul Klee hatte schon vor 90 Jahren in seinem einzigen öffentlichen Vortrag, der der Eröffnung einer Bauhaus-Ausstellung und der dortigen gemeinschaftlichen Arbeit galt und die gemeinsamen Bemühungen ums ‚Verstanden werden‘ beschrieb, mit den Worten geschlossen: „Uns trägt kein Volk“.

Damals konnte er nicht ahnen, dass die Generalversammlung der Vereinten Nationen ein Schutzrecht in den Menschenrechten verankert, das da in Artikel 27 Abs. 2 lautet: „Jeder hat das Recht auf Schutz der geistigen und materiellen Interessen, die ihm als Urheber von Werken der Wissenschaft, Literatur oder Kunst erwachsen“

Das nicht justiziable Menschenrecht ist dann in ein justiziables Recht gemündet, dass vom Schutz des geistigen Eigentums spricht. Nun kann man in der deutschen Sprache hier die Wurzel in der Eigentümlichkeit eines Kunstwerks verstehen, der internationale Begriff „intellectual property“ weist eher in die Interpretation von Besitz. Und bekanntlich kann man etwas besitzen ohne der Eigentümer zu sein.

Kommen wir nochmal auf unsere 84er Künstler, z.B. Prince, der sich „Slave“ auf seine Wange schrieb, sich plötzlich „Symbol“ nannte, oder auch „Tafkap“ als Abkürzung für „The Artist Former Known As Prince“, oder auch schlicht „The Artist“. Auch George Michael beklagte sich vor Gericht darüber, dass jede Putzfrau ihren Arbeitgeber kündigen könne, er aber einen Vertrag erfüllen müsse, dessen Tragweite er in jungen Jahren gar nicht übersehen konnte und schon gar nicht, welches Unternehmen durch Veräußerung des Vertrages je sein Vertragspartner werden würde.

Die britische Statute of Anne von 1710 gilt als erstes Gesetz, das die bis dahin gängigen vom Souverän gewährten und nicht selten zensierten Druckerpriviliegien ablöste, das allerdings auch am Schutz des Verlegers orientiert war. Deshalb heißt es im Englischen auch Copyright, also Kopierrecht.

Die Idee eines unveräußerlichen Urheberrechts entwickelten die naturrechtlichen Philosophen Kontinentaleuropas, wovon sich unsere heutige Rechtsauffassung zumindest teilweise ableitet und wir einen anderen Umgang als sittenwidrig empfinden würden.

Vor diesem Hintergrund wird vielleicht deutlich, warum im Internet die Konfliktlinie zwischen YouTube, der 100% Tochter der mittlerweile wertvollsten Marke der Welt Google, und der GEMA, als der stärksten Autorenorganisation der Welt, verläuft. Wenn es hier nur ums Geld ginge, würde ich sie mit dem Thema garnicht behelligen, denn es geht in dem Streit vor allem um die individuelle Betrachtung eines Werkes. Und an dieser Stelle wird deutlich, dass das Urheberrecht in einer Geschwister Schaft zum Persönlichkeitsrecht steht.

Durch einen Musterprozess versucht die GEMA einige wenige Werke der ‚Zwangsvermarktung‘ durch YouTube zu entziehen. Die Sperrung einer Vielzahl von Werken mit Sperrtafeln und Schuldzuweisung an die GEMA ist die hinlänglich bekannte Antwort darauf, auf die viele User hineingefallen sind und GEMA-Bashing betreibend den Zusammenhang nicht mehr erkennen konnten. Das verleitet die Ingenieure der künstlichen Intelligenz ja geradezu dazu, uns Menschen weismachen zu wollen, die Technik könne einzelne Werke nicht erkennen. Sind wir so blöd? Wohl kaum.

Bei genauem Hinsehen kann einem nämlich etwas ganz anderes auffallen: So verspricht Google in seinen Unternehmensgrundsätzen den

Nutzern Gesuchtes schnell auffindbar zu machen, das 100%ige Tochterunternehmen macht hingegen Selbstverständliches unauffindbar und setzt Sperrtafeln sogar propagandistisch ein. Den Gepflogenheiten eines in Hamburg so genannten ‚ehrbaren Kaufmanns‘ entspricht das jedenfalls nicht.

Von einem meiner Geschäftspartner erfuhr ich von der Geschichte eines deutschen Erfinders, der auf Grund eines Patents eine Einladung nach China erhielt. Dieser staunte nicht schlecht als er am Flughafen von einer ganzen Delegation empfangen wurde und mit Standarte wie ein Staatsgast zu seinem Gastgeber geleitet wurde. Dieser empfing ihn mit einer ehrenvollen Zeremonie und verneigte sich demütigst vor dem ‚Meister‘ aus Deutschland. Er ließ überhaupt keinen Zweifel an der Bewunderung seiner Erfindung und bat untertänigst darum etwas zeigen zu dürfen. Das Gesicht des Deutschen versteinerte als er das fertige Produkt seiner Erfindung sah und während der Chinese noch begeistert auf seine Verbesserungen hinwies, telefonierte der Deutsche schon mit seinem Anwalt. „Lost in Translation“ könnte auch angenehmer sein.

Auf dem einen Erdteil, ausgerechnet in einer Kollektivgesellschaft, die Verehrung des Individuums als Meister, auf dem anderen Erdteil, in einer ausgesprochenen Individualgesellschaft die Pauschalisierung zur einfacheren Vermarktung.

Da stehen, grade im Hinblick auf den heranreifenden 3-D Druck, den Kreativen und Künstlern aller Gattungen noch einige Herausforderungen bevor.

Hier nur kurz zum Stand der Technik, wie sie auch Douglas Adams nicht vorhersehen konnte und im Restaurant am Ende des Universums ein sprechendes Tier auftreten ließ, das überzeugend darlegen konnte, gerne verzehrt zu werden:

Seit 2012 arbeitet das Start Up „Modern Meadow“ aus Missouri daran, Fleisch aus dem 3D-Drucker zu produzieren. Es mag noch eine Weile dauern, bis dabei etwas Schmackhaftes gedruckt wird, aber dessen Gründer stellen bereits heute mit ihrem Unternehmen „Organovo“ Gewebe für medizinische Zwecke her. Implantate und Prothesen aus dem 3D-Drucker sind ebenfalls schon geläufig.

Und im Frühjahr diesen Jahres druckte das Unternehmen „WinSun“ aus Shanghai innerhalb eines Tages 10 Häuser mit einer Gesamtfläche von 200 qm aus einem 3D Drucker. Gefüttert wurde der Drucker mit Bauschutt und Industriemüll, womit der Kaufpreis für ein solches Haus bei € 4.000,- liegt.

So gerne wir heute von Nachhaltigkeit sprechen müssen wir jedoch erkennen, dass disruptive Geschäftsmodelle, ebenso wie innovative Technologien, unsere vertraute Welt im Handumdrehen verändern können. Dabei ist es nur normal, dass aus einem Land, in dem viele Menschen schon ein Gesundheitswesen für sozialistisch halten, unsere soziale Marktwirtschaft durch neoliberale Strategien unterlaufen wird. Effizient wird von unten aufgerollt, erst die vermeintlich kleine Gruppe der Kreativen, dann jetzt die Dienstleister, wie an der App. ‚Uber‘ schön nachzuvollziehen ist, demnächst die Handwerker und danach der gesamte Mittelstand.

Wer versäumt hat in die neue Währung „Big Data“ zu investieren ist raus. Ganz geschickt wer sich das sogar bezahlen lässt, wie beim

Sozial-Engeniering einer Partnerbörse, die ja wegen Kundenschwund Pleite gehen müsste, falls sie tatsächlich den idealen Partner vermitteln könnte. Sharing Economy ist ein solches Zauberwort, das mit herkömmlichen Teilen nichts gemeinsam hat, eher mit der Totalkommerzialisierung des Lebens, aber eigentlich auch nur weg vom Besitz und hin zum mieten eines Objekts führt. Nichts wirklich Tragisches also, die Verantwortung für Besitz nervt doch sowieso.

Und weil Verantwortung so nervig ist, sorgt man am besten dafür, sie weit von sich zu weisen. Ganz einfach, man ist nicht das wofür man gehalten wird, ob Entertainmentanbieter, Versandhändler, Dienstleister und was sonst auch immer, man ist ja etwas Neues, nämlich Plattform. Und die aktive Verantwortungsdiffusion ist Methode dieser Strategie.

Dennoch bin ich nur mäßig beunruhigt über diese Entwicklungen, lese ich doch klar und deutlich in dem Buch „Die Vernetzung der Welt“ vom Executive Chairmann von Google, Eric Schmidt, und dem Direktor von Google Ideas, Jared Cohen, ganz ehrlich:

„Unsere Kommunikationstechnologie ist von Anfang an auf einen Eingriff in unsere Privatshäre angelegt“ und im nächsten Satz: „Ohne Regulierung sind unsere Daten daher Freiwild“ und ein paar Seiten weiter wird vermutet: „Wenn demokratische Staaten neue Gesetze zur Regulierung dieser neuen Entwicklung verabschieden, wird sich sogar ein Fortschritt einstellen, mit einem gestärkten Gesellschaftsvertrag und einer effizienteren und transparenteren Gesellschaft“.

Nun kann sich Google wirklich hervorragende Vordenker leisten und sie werden tun, was wir sie tun lassen. Das ist deutlich ausgesprochen. Hier wird an einer Technologie gearbeitet und nicht an einer Ethik. Da wundert auch nicht, dass die bei Kreativen begehrte Marke Apple im vergangenen Jahr den ‚Big Brother-Award“ in der Kategorie „Arbeitswelt“ für seine „besonders dreiste Form der Videoüberwachung“ seiner Mitarbeiter erhielt.

Es braucht also entsprechend hervorragende Politiker und großartige Juristen um in die richtigen Bahnen lenken zu können. Also so etwas wie Douglas Adams unwahrscheinlicher ‚Unwahrscheinlichkeitsdrive‘ um das Unwahrscheinliche wahrscheinlich zu machen. Solange jedoch Geheimdienste als verlängerter Arm der Politik diese Technologie zum Machterhalt nutzen und damit mittelbar oder sogar unmittelbar die Macht der Technologieunternehmungen fördern, müssen wir uns auf Machtmissbrauch gefasst machen. Es sind die Menschen, die eine Technologie nützlich oder schädlich anwenden, niemals die Technologie selbst. Das haben wir also letztlich selbst in der Hand.

Seit Menschengedenken müssen wir immer wieder etwas erfinden, um uns aus dem Schlamassel zu befreien, den wir mit vorangegangenen Erfindungen angerichtet haben. Das Tempo der Erfindungen hat in den letzten 100 Jahren eine rasante Steigerung erreicht und der Rückblick auf 1984 macht deutlich, dass wir nur sehr knapp der technologischen Möglichkeit zur Selbstzerstörung entronnen sind.

Es wird also bei den Herausforderungen heute und in der Zukunft besonders darauf ankommen, ob wir in der Lage sein werden, uns auch ethisch so rasant weiter zu entwickeln, um mit den technologischen Fortschritten mithalten zu können. Was moderne Technologie z.B. in den Händen absolutistischer Glaubensbrüder zur Erzeugung rückständiger Gesellschaften anrichtet, ist wohl offenkundig. Die Widersprüchlichkeit des Menschen macht ihn so unberechenbar.

Das Selbstzerstörungsthema unserer Tage heißt globale Erwärmung. Was ist los mit der Spezies Mensch, die seit ihrer Existenz für das Artensterben verantwortlich ist und sich gegenseitig massakriert? Nun ist die größte Katastrophe unseres Planeten ein Asteroiden-Einschlag gewesen, der die Dinosaurier aussterben und den Lebensraum für Säugetiere erst entstehen ließ. Als einzige Spezies des Planeten werden wir eines Tages in der Lage sein, ein solches Ereignis abwenden zu können. Seit 2012 erforscht unter der Leitung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt das EU Projekt NEOShield jedenfalls solche Abwehrmethoden. Vielleicht wird dabei die Entdeckung der zerstörerischen Kraft der Atombombe sogar einen guten Nutzen haben und wir werden uns als Retter der Arten feiern dürfen.

Im ersten Semester meines Kunststudiums wurde uns die Aufgabe gestellt, die Stofflichkeit eines Gegenstands abzubilden. Ich wählte dafür ein Papiertaschentuch und dachte zunächst, das sei schwer. War es aber nicht, denn ich sah mir nur das Licht und den Schatten an und schon hatte ich das Unverwechselbare dieser Stofflichkeit eingefangen. Diese Art des Sehens lässt sich auf alles anwenden und öffnet den Blick auf das Ganze und seine Details. Wo jedoch zu viel Schatten ist lässt sich schwer etwas erkennen, wer aber zu viel in die Sonne sieht, wird blind.

Weder das Internet, noch etwas anderes, kann ausschließlich segensreich oder ausschließlich gefährlich sein. Zu Recht sehen wir vor allem die Gefahren, lesen in der Zeitung zuerst die Skandale und menschlichen Abgründe, warnen vor schlechten Erfahrungen, machen uns Sorgen und bewältigen Probleme. Wie ja auch erst der Schatten den Objekten die Kontur und Stofflichkeit gibt.

Die Zweifler in „The Circle“ erkennen, dass „der dämlichste Mist nun die Welt beherrscht“, was natürlich kein gutes Ende nimmt.

Um meinen Vortrag aber wenigstens zu einem guten Ende zu bringen, möchte ich als Zukunftsperspektive der Ethik auf die Sprünge helfen und ein scheinbares Paradoxon vortragen. Das Glaubensbekenntnis eines Atheisten. Die von Michael Schmidt-Salomon säkularisierte Fassung eines religiösen Textes:

Ich glaube an den Menschen

Den Schöpfer der Kunst

Und Entdecker unbekannter Welten.

Ich glaube an die Evolution

Des Wissens und des Mitgefühls

Der Weisheit und des Humors.

Ich glaube an den Sieg

Der Wahrheit über die Lüge

Der Erkenntnis über die Unwissenheit

Der Phantasie über die Engstirnigkeit

Und des Mitleids über die Gewalt.

Ich verschließe nicht die Augen

Vor den Schrecken der Vergangenheit

Dem Elend der Gegenwart

Den Herausforderungen der Zukunft

Aber ich glaube

Dass wir bessere Wege finden werden

Um das Leid zu vermindern

Die Freude zu vermehren

Und das Leben zu bewahren.

Ich glaube an den Menschen

Der die Hoffnung der Erde ist

Nicht in alle Ewigkeit

Doch für Jahrmillionen.

Die Freie – und Hansestadt Hamburg, in der vorgestern ein Transparenzgesetz in Kraft trat und die damit eine Vorreiterrolle einnimmt, die die Facebook-Twitter-Google Unternehmungen für ihre Deutschlandzentralen gewählt haben, die einen der schärfsten Datenschutzbeauftragten der Republik beschäftigt, ist ein guter Ort um Zukunftsfragen zu diskutieren. Die Hamburger Clubstiftung hat für ihr Clublexikon einen Toilettenspruch fotografiert, der etwas salopp zusammenfasst was meiner langen Rede Sinn ist:

Am Ende wird immer alles gut. Ist noch nicht alles gut – dann ist es noch nicht das Ende.