Sohn zu sein ist keine Lebensaufgabe (neues deutschland vom 15.07.2014 und nd Dossier Reichtum)

Frank Otto ist Spross eines Versandhaus-Gründers und ging seinen eigenen Weg: Ein Gespräch über reiche Eltern, soziale Verantwortung und Karl Marx

Frank Otto ist einer von drei Söhnen und zwei Töchtern des im Dezember 2011 verstorbenen Versandhaus-Gründers Werner Otto. Vom US-amerikanischen Forbes Magazine werden »die Ottos« seit Jahren mit einem Milliarden-Vermögen unter den fünf reichsten deutschen Familien gelistet. Der 1957 geborene Frank Otto trat jedoch nicht in das Geschäft seines Vaters ein, sondern ging seinen eigenen Weg. Er verweigerte den Militärdienst, jobbte in einem alternativen Kinderhaus, spielte als Schlagzeuger in einer Band, wurde schließlich Medienunternehmer. Ihm gehören heute Anteile an mehreren regionalen Radiosendern und die Musik- und Marketingfirma ferryhouse productions. Er unterstützt junge Künstler und engagiert sich finanziell und persönlich in vielfältigen gesellschaftlichen Projekten. Über Reichtum und soziales Engagement sprach mit ihm Jürgen Reents.

Was für eine Familie sind die Ottos?

Für heutige Verhältnisse eine eher normale. Mein Vater hatte drei Ehen, ich komme aus einer Patchworkfamilie.

Wie würden Sie sich nennen: wohlhabend, reich, superreich?

Persönlich würde ich mich als wohlhabend bezeichnen, bin aber auch nicht unternehmerisch am Geschäftserbe meines Vaters beteiligt. Ich war immer der Rebell in unserer Familie.

Warum hat es Sie, anders als Ihre beiden Brüder, nicht gereizt, den Otto-Versand mit zu übernehmen?

Mir schwebte schon früh eine künstlerische Laufbahn vor. Mein Vater versuchte mich daher zu überzeugen, in die Werbeabteilung seines Unternehmens einzusteigen. Das habe ich einen Monat lang getan, mir dann aber ganz schnell einen Ausbildungsplatz am Museum für Kunst und Gewerbe besorgt, später Kunst studiert. Ich wollte nicht abhängig sein vom Familienvermögen.

Sie haben mit Ihrer familiären Herkunft gehadert?

Ja. Von meinen Mathematiklehrern wurde ich immer »rangenommen« mit dem Verweis: Das bist du deinem Vater schuldig. Das hat mich total überfordert und ich habe mich gefragt: Was ist an mir anders, warum soll ich mehr Leistungen als andere bringen? Ich erinnere mich auch an die Eröffnung des Alstertal-Einkaufszentrums, da war ich um die 13. Mein Vater war megastolz, es war das erste Shopping-Center dieser Art in Deutschland und er hatte es bauen lassen. Als wir dort ankamen, gab er mir seinen Mantel, um ihn irgendwo aufzubewahren. Ich ging damit zum Infostand, erhielt dort die Auskunft: Das ist hier keine Garderobe. Also stiefelte ich mit dem Mantel zu meinem Vater zurück. Er belehrte mich: Mein lieber Sohn, merke dir eines, du musst immer sagen, wer du bist. Das war für ihn selbstverständlich, aber ich fragte mich: Ja, wer bin ich denn selbst? Sohn zu sein, ist ja keine Lebensaufgabe.

Reicher Erbe auch nicht?

Für mich nicht. Als ich volljährig wurde, habe ich eine Abmachung mit meinem Vater geschlossen: Ich will bis zu meinem 30. Lebensjahr nichts mit dem Familienerbe zu tun haben. Ich hatte das Glück, dass mein Vater sehr aufgeschlossen war, wir in vielem nicht grundsätzlich auseinander lagen, sondern mehr darin, wie etwas zu erreichen sei. Er wollte anfangs nicht verstehen, warum ich auf Demonstration gegen Atomkraft gehe, mich in Brokdorf in Gräben warf und auch durch Polizei und Wasserwerfer nicht abhielten ließ – er hätte mich lieber im Club of Rome gesehen, wenn ich mich für die Umwelt engagieren wollte. Meine Antwort war dann: Ohne den Druck von der Straße wird sich nichts ändern.

Ihr Vater wurde während der Nazi-Zeit verhaftet, weil er Flugblätter gegen das Hitler-Regime von Prag nach Deutschland schmuggelte. War das für Ihre politische Einstellung mit prägend?

Ja, und mein Vater hat mich auch gelehrt, immer aufmerksam und achtsam zu sein. Er erzählte mir von seinen Erfahrungen mit Menschen, die irgendwann das Verbrecherische des Nazi-Regimes erkannten und sich abwandten, wie auch von einigen, die vor Kriegsende von Gegnern Hitlers zu Vaterlandsverteidigern wurden.

Ihr Vater konnte sich nicht auf eine reiche Herkunft stützen, er hat den Otto-Versand nach dem Krieg aus einem kleinen Schuhversand heraus aufgebaut. Haben Sie von ihm soziales Engagement gelernt?

Auch von ihm. Er guckte immer nach dem, was es gab und was fehlte. Nicht nur als Unternehmer auf dem Markt, sondern auch in der Gesellschaft. Als er eine Lücke in der medizinischen Forschung entdeckte, machte er sich über Verfahren und Methoden in den USA kundig, die er unbedingt nach Deutschland bringen wollte. Dafür hat er dann die Werner-Otto-Stiftung gegründet. Sie kümmert sich insbesondere um kranke und behinderte Kinder. Mich beeindruckt, wie er unternehmerisches und soziales Denken miteinander verband. Ich halte es im übrigen für unternehmerische Vorsorge, sich zu fragen, was eine Gesellschaft verbessert und wie man sich, mit den besseren Möglichkeiten, die man hat, engagieren kann.

Sehen Sie sich als Linker?

Nicht als Sozialist oder Kommunist, ich würde mich aber als linken Humanisten bezeichnen. Ich bin inzwischen ja selbst Unternehmer, bekennend und mit großer Freude. Es gibt bis heute kein effizienteres Wirtschaftssystem als das kapitalistische. Handlungsmaßstab in der Wirtschaft wie in der Politik müssen jedoch die Menschenrechte sein. Es gilt der Kantsche Imperativ, vereinfacht gesagt: Jeder muss sein Handeln so reflektieren, dass er es auch vertreten kann, wenn er nicht Subjekt, sondern Objekt dieses Handelns wäre. Wenn man in Märkte geht, bewegt man sich in einem Umfeld, in dem andere Schaden erleiden können. Man darf nicht skrupellos durch die Welt marschieren und nur sein eigenes Ego nach vorne bringen.

Ein Drittel des Privatvermögens in Deutschland gehört einem Prozent der Bevölkerung, demgegenüber hat die Hälfte der Bevölkerung nur einen Anteil von einem Prozent am Gesamtvermögen. Wie lautet Ihr Kommentar?

Gerecht ist das nicht. Die wichtigste Frage aus meiner Sicht ist: Wie kann man steuern, dass die Kluft nicht noch größer wird? Ich halte es für normal, dass Leute, die wirtschaftliche Risiken bis hin zum Totalverlust eingehen, auch bestimmte Anreize haben müssen. Doch das muss nicht so weit auseinander gehen, wie wir es heute haben. Irgendwo endet der persönliche Vorteil, besser zu essen, besser zu wohnen oder besser zu reisen.

Verlangen Sie mehr soziales Engagement von den Vermögenden?

Wenn man die Möglichkeit hat, bei der Lösung eines gesellschaftlichen Problems zu helfen, dann gibt es dafür auch eine unternehmerische Verantwortung. Ich bin allerdings kein Freund der Idee, jeder gründet mal eine Stiftung, schreibt seinen Namen drauf und steckt ein bisschen Geld rein. Der hauptsächliche und sinnvollste Beitrag der Reicheren zum gesellschaftlichen Ausgleich ist eine hohe Besteuerung. Man muss den Staat jedoch beraten, dass er die Steuergelder sinnvoll verwendet; prinzipiell kann er das effizienter als eine kleine private Stiftung. Stiftungen sind dort sinnvoll, wo es dem Staat bislang an Aufmerksamkeit fehlt.

Ist Gerechtigkeit nur eine Frage der Verteilung oder gehört mehr dazu?

Sicher gibt es ursächlichere Zusammenhänge. Das Prinzip der Ausbeutung steckt im kapitalistischen System mit drin. Und es ruht auf dem Prinzip der Effizienz: Je günstiger ich ein Produkt anbieten kann, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich damit auf dem Markt durchsetze. Das Resultat sind einerseits Verbesserungen in der Produktion, andererseits eine partielle Enteignung derjenigen, die ihre Arbeitskraft in ein Produkt investieren. Eine der krassesten und bislang viel zu wenig beachteten Formen der Ausbeutung findet heute bei Unternehmen im Internet statt: Google zum Beispiel eignet sich Leistungen an, die Leute erbracht haben, ohne dass sie etwas dafür bekommen. Sie sind die Inhaltsgeber der künstlichen Intelligenz und wissen teilweise nicht einmal, dass und wie ihre Arbeit genutzt wird, geschweige denn, dass sie dafür vergütet werden sollten. Ähnliches gilt in meiner Branche, der Musikbranche.

Sie halten die marxistische Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft für berechtigt?

Natürlich, Marx hat vieles richtig benannt und weit in die Zukunft geblickt, aber die Alternativen haben sich bislang nicht als erfolgreich herausgestellt.

In Europa versucht man, die Auswüchse zu begrenzen. Für mich sind die Menschenrechte die oberste Orientierung. Je mehr sie beachtet werden, desto stolzer kann ein Staat sein. Da gibt es die Kapriolen, dass sich die Amerikaner Guantanamo zulegen, um dort etwas zu tun, was ihnen das Rechtssystem im eigenen Land verbietet. Diese Umgehung des Rechts ist verwerflich und absurd, Menschenrechte werden fast global missachtet.

Eines der Projekte, das Sie initiiert haben und nach wie vor unterstützen, ist die Stiftung Hamburg Leuchtfeuer. Erzählen Sie davon.

Hamburg Leuchtfeuer entstand, als Aids gesellschaftlich noch als »Homosexuellen-Problem« stigmatisiert war. Die Hamburger Aids-Hilfe wandte sich

damals an mich, um ein Projekt zu unterstützen, das den von der Krankheit Betroffenen mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit und zugleich praktische Hilfe gibt. Daraus entstand eine soziale Einrichtung, die – über Aids-Erkrankte hinaus – Menschen in familiär wenig begünstigten Situationen ein Refugium für ein menschenwürdiges Lebensende anbietet. Hamburg Leuchtfeuer wurde zur Anregung für andere, in Hamburg gibt es inzwischen sechs Hospize für sterbenskranke Menschen.

Was war Ihr Motiv, sich für dieses Projekt zu engagieren?

Über das Gesagte, das konkret Notwendige hinaus: dass ich mich gebraucht gefühlt habe. Mich reizen Themen zum Engagement, für die es gesellschaftlich noch wenig Empathie gibt. Außerdem höre ich gerne Leuten zu, die als etwas schrullig gelten und vom Mainstream abweichende Ideen im Kopf haben.

Eine etwas andere Idee war es auch, Mineralwasser für das Projekt Viva con Agua zu verkaufen.

Das Projekt wurde von Benjamin Adrion, früher Fußballer beim FC St. Pauli, ins Leben gerufen. Nach einem Trainingslager auf Kuba kamen er und der damalige Vereinspräsident Corny Littmann zurück und sagten: Die Wasserversorgung an den Schulen ist nicht gut, da sollte man etwas tun. Im Umfeld des FC St. Pauli und in der Hamburger Öffentlichkeit gab es sehr schnell eine Welle von Unterstützung. Dann kam Benjamin Adrion zu mir und sagte: Was sollen wir jetzt machen? Wir können das Projekt doch nicht einfach beenden und sagen: Danke, jetzt haben wir genug. Da habe ich ihm gesagt: Fahr nach Afrika, schau dich um, da ist genügend Bedarf an Wasser. Das hat er getan, kam wieder und sagte: Laut unseren Statuten dürfen wir nur bis zu zehn Prozent der Spenden für die Verwaltung ausgeben. Wenn wir all die Projekte anschieben, die wir erkundet haben, kommen wir damit nicht aus. Daraufhin habe ich zunächst ein Büro mit einer festen Stelle finanziert und gesagt: Überlegt euch, eine Stiftung oder einen Verein zu gründen, dann kann man auch über größere Beträge reden. Das hat er gemacht und gemeinsam mit anderen die Idee entwickelt, Mineralwasser auf den

Markt zu bringen. Das fand ich eine super Idee und habe mich daran beteiligt. Die Welthungerhilfe wurde als Kooperationspartner gewonnen. Jetzt gibt es die Marke »Viva con Agua«, sechzig Prozent des Gewinns aus dem Flaschenverkauf wird an die Wasserprojekte durchgereicht, bislang wurden so 3,5 Millionen Euro erzielt. Das ist gutes social buisiness.

Sie sind nicht nur Mäzen sondern auch Sprecher des Hamburger Vereins »Kultur für alle«, haben das Literaturfestival »Lesen ohne Atomstrom« vor vier Jahren gegen die »Vattenfall-Lesetage« mit aus der Taufe gehoben. Verknüpfen Sie finanzielle Hilfe immer mit persönlicher Einmischung?

Ich versuche es, soweit ich kann. Gegen Atomkraft habe ich mich schon eingemischt, bevor ich überhaupt wusste, ob ich mit dem Anteil des Familienvermögens, den ich erben würde, etwas anfangen kann und ob ich selbst Unternehmer werde. Ich finde es befriedigend, dass wir nun immerhin eine Beschlusslage haben, aus dieser gefährlichen und verschwenderischen Energieform auszusteigen. Natürlich kam der Unfall in Fukushima gewissermaßen zu Hilfe, aber ohne den Jahrzehnte dauernden Protest gegen die Atomkraft wäre das nicht geschehen. Es gibt keine gesellschaftliche Aktion ohne individuelles Engagement.

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