Ein zweites Bein im Netz "Der Freitag" 10.März 2001

Vom lokalen Sender zum globalen Großprojekt:

Das ist die Vision von Frank Otto, dem Gründer des Internetfernsehsenders „greencapital.tv“.

Ein Interview über die Chancen des Internets und guten Journalismus.

„Greencapital.tv“ ist ein monothematischer Umweltsender, der sein Programm hauptsächlich online verbreitet und Hamburg als Umwelthauptstadt 2011 begleiten soll. Kann dieses Projekt wirklich Erfolg haben?

Frank Otto: Wir werden so erfolgreich sein, wie das Thema auch erfolgreich ist. Wir sind erst vor einigen Wochen online gegangen. Die bisherigen Klickzahlen kenne ich nicht im Einzelnen. Aber ich sehe, dass wir angenommen werden. Es gibt eine gute Basis von Leuten in Hamburg, die sich für unsere Themen interessieren. Außerdem soll unser Programm bald auch über Kabel in Hamburg empfangbar sein. Dadurch erhoffen wir uns mehr Aufmerksamkeit. Der Fokus soll aber weiterhin auf der Internetplattform liegen.

Warum halten sie Internetfernsehen für so ein vielversprechendes Format?

Es wächst jetzt eine Generation heran, die es nicht mehr gewohnt ist, sich das Programm von anderen Leuten vorsetzen zu lassen. Wer Serien gucken möchte, schaut sich heute oft lieber eine ganze Staffel am Stück an, anstatt immer eine Woche auf die nächste Folge zu warten. Das Nutzerverhalten befindet sich in einem Wandel. Das sieht man auch an dem großen Erfolg von „YouTube“. Interaktivität ist hier das Stichwort. Die User wollen gezielt auf Themen zugehen und nicht eine 30-minütige Sendung schauen, um den einen kurzen Beitrag zu sehen, der sie interessiert. Außerdem wollen sie die Inhalte aktiv mitgestalten. Deshalb setzt „greencapital.tv“ auch auf „User Generated Content“. Auf unserer Plattform können nicht nur Videos konsumiert, sondern auch hochgeladen werden.

Im klassischen Fernsehen ist die Zahl der frei empfangbaren Sender begrenzt. Im Internet ist das anders. Wie macht man auf einen Internetfernsehsender aufmerksam?

Zunächst einmal dadurch, dass andere Medien über einen berichten. Außerdem sollte man mit anderen Plattformen oder Formaten kooperieren und gegenseitig immer wieder aufeinander aufmerksam machen. Für uns ist zum Beispiel auch die Zusammenarbeit mit Umweltverbänden lukrativ. Die Nutzung von „Facebook“ und „YouTube“ ist heute eigentlich selbstverständlich und ein effektiver und kostengünstiger Werbekanal.

Die Produktion von bewegten Bildern ist noch immer sehr aufwendig und teuer. Wie kann sich ein kleiner Internetfernsehsender finanzieren.

Bei uns gibt es eigentlich keine klassische Werbung. Vielmehr setzen wir auf feste Partner, die wir auf unserer Seite einbinden und verlinken. Es gibt immer mehr Firmen, die sich ökologische Technologien als Schwerpunkt gesetzt haben. Für diese Unternehmen bieten wir einen Mehrwert, der sich nicht einfach mit Klickzahlen messen lässt. Die Kooperation mit uns ist ein Imagegewinn. Das hat etwas mit Glaubwürdigkeit und Engagement zu tun. Das wird den Firmen ganz anders angerechnet, als ein normaler Fernsehwerbespot.

Fürchten Sie nicht, dass sich Firmen durch „greencapital.tv“ von ihren Umweltsünden in der Öffentlichkeit reinwaschen wollen?

Sagen wir so: Konzerne wie der Stromerzeuger „Vattenfall“ wissen, welches Image sie haben. Da hilft auch kein Link auf unseren Sender. Deshalb glaube ich, dass solche Firmen erst gar nicht auf uns zukommen werden. Natürlich kann es vorkommen, dass Konzerne ihre Umweltsünden grün anstreichen wollen. Dafür werden wir uns aber nicht benutzen lassen.

Hamburg wird 2012 als Umwelthauptstadt von der spanischen Stadt Vitoria-Gasteiz abgelöst. Ist das das Ende für „greencapital.tv“?

Ich habe die heimliche Vision, dass der Sender zu einem europäischen Format wird. Jede Umwelthauptstadt soll sich daran beteiligen. Am Ende soll ein mehrsprachiger Sender stehen, der alle EU-Bürger anspricht.

Wie soll das funktionieren? Ihre Redaktion sitzt schließlich in Hamburg.

Die Beiträge würden dann Medienmacher aus den jeweiligen Ländern machen. Aber das ist noch weit weg. Jetzt sind wir erstmal in Hamburg. Wir fangen lieber klein an. Trotzdem haben wir für die Zukunft  große Pläne.

Das heißt also, ihre Mitarbeiter sind nächstes Jahr arbeitslos?

Das muss eben nicht sein. das hängt davon ab, wie viel wir in diesem Jahr schaffen und wie groß die Nachfrage ist. Wir wollen unsere Themen fest in den Köpfen der Hamburger verankern. Unser Ziel ist es natürlich, auch über das Jahr 2011 hinaus die Adresse zu sein, die bewegte Bilder zu diesem spannenden Thema liefert.

Wird das Internet einmal alle anderen Medien ablösen?

Das Internet ist natürlich ein großes Stück Zukunft. Der Trend geht hier wohl gerade vom klassischem Text zum bewegten Bild. Trotzdem gilt es, diese Entwicklung mit Vorsicht zu genießen. Wir alle haben die Internetblase an der Börse platzen sehen. Außerdem entwickelt sich das das Internet nicht so schnell, wie es viele Experten vorhergesagt haben. Erst jetzt kommen langsam internetfähige Fernseher auf den Markt. Den hatten die meisten schon viel früher vorhergesagt. Außerdem wird sich das Rezeptionsverhalten der Menschen nicht komplett verändern. Fernsehen und Internet fordern immer die volle Aufmerksamkeit, während es das Radio zulässt, dass ich nebenher noch etwas anderes mache. Und um mir Daten und Fakten richtig einzuprägen, ist noch immer das geschriebene Wort den anderen Medien überlegen. Jedes Medium hat seine Berechtigung und seine Aufgabe, die es auch in Zukubft erfüllen wird.

Warum verstehen Sie das Internet als Chance, während viele große Medienhäuser noch heute zögern?

Eigentlich zähle ich mich selbst auch eher zu den Vorsichtigen. Ich probiere vieles aus, fange aber immer klein an. Fehler lassen sich dann leichter korrigieren. Bei großen Projekten ist das oft schwer. Und so verlockend das globale Netz auch sein mag: Es birgt viele Gefahren. Wenn Du eine Idee hast, weißt Du nie, ob jemand gerade am anderen Ende die gleiche hat – nur etwas besser. Das Internet ist nicht überschaubar. Deshalb brauchen wir Hilfe.

Wie soll diese Hilfe aussehen?

Diese Hilfe können zum Beispiel Journalisten leisten. Deshalb bin ich mir auch sicher, dass der Journalismus noch lange nicht am Ende ist. Im Gegenteil: Er wird wieder gebraucht. Er muss Orientierung im Internet schaffen, selektieren und Empfehlungen aussprechen. Noch ist das Internet neu und faszinierend. Doch irgendwann werden wir eine Haltung dazu einnehmen, wie wir es bei allen Medien getan haben. Guter Journalismus stirbt nie.

 

Das Gespräch führten Elisa Dullweber und Nadine Heinze