Jens Meyer-Odenwald trifft Frank Otto: DEM NAMEN VERPFLICHTET

Rebell, Radio-Gründer und reicher Mann, Frank Otto, 53, hat etwas aus seinem Leben gemacht. Eine Bilanz über den langen Weg, erwachsen zu werden.

Sein Kontor über dem Automuseum in der HafenCity schmückt ein Meerwasseraquarium, daheim auf der Uhlenhorst schwimmen Süßwassertiere. Das Faible für kleine Fische entspringt einer Einweihungsparty im neuen Wohnhaus. Letztlich hatte niemand Verwendung für die Dekoration, vier orangegoldene Schleierschwänze. Frank Otto zeigte Herz. Mal wieder. Daraus wurde mehr. Wie so oft.

Seine Sympathie für große Tiere hielt sich im Grenzen. Immer schon und vor allem in der jugendlichen Sturm- und Drangzeit. Der Sohn des Versandhausgründers und Milliardärs Werner Otto rebellierte nicht nur gegen das familiäre System und lebte genau das Gegenteil eines hochwohlgeborenen Hanseatensprösslings. Dreimal wurde das Enfant terrible vom Internat gefeuert, lebte anschließend zwei Jahre bei der Mutter, bevor es den bourgeoisen Revoluzzer  in eine Wohngemeinschaft am Schulterblatt zog. Auch dort ging die Post so richtig ab. Mit der Konsequenz, dass dem Unternehmersohn (Frank Ottos früher meistgehasste Einstufung) im Leben heute wenig fremd ist.

Das Gespräch mit dem magazin dauerte mehr als drei Stunden. Unter dem Strich brachte es die Erkenntnis, dass sich der Mann gefangen hat. Mehr als das: Im Kontrast zu seinen Halbbrüdern Alexander und Michael, beide Lenker einflussreicher Wirtschaftsimperien, ging und geht Frank einen ganz anderen Weg. Das Ziel? Er selbst zu sein.

Doch philosophierte der Medien-Unternehmer, Künstler und Mäzen nicht nur über den Ernst des Lebens. Frank Otto trank Kaffee und rauchte. Beim Thema Musik kam er, als Labelgründer von „ferryhouse“, so richtig in Fahrt.  Dabei naschte Frank Otto immer wieder genüsslich süßsaure Gummifische.

Magazin: Herr Otto, nennen Sie die alten Kumpels noch immer Gully74?

Frank Otto: Nein. Der Spitzname stammt aus dem Internat. Da sagte ich zu einem Lehrer, er solle  im Gully verschwinden. Das war’s dann mit meiner Internatszeit.

Magazin: Wäre Ihnen ein anderer Nachname als Otto lieber gewesen?

Otto: Es gab Phasen, da habe ich ihn verflucht, dann wieder welche, da war ich ganz dankbar. Heute finde ich ihn gut.

Magazin: Sie brauchten länger als andere, um sich vom Elternhaus zu emanzipieren…

Otto: In der öffentlichen Wahrnehmung war ich Sohn eines bedeutenden Vaters, bis meine eigenen Erfolge Licht in seinen Schatten brachten. Aber als Scheidungskind bin ich ja nicht lange im Elternhaus groß geworden. Im Internat galt ich als respektierter Sonderling. Ich war frech und aufmüpfig, später sehr introvertiert. Durchs Musikmachen lernte ich meine extrovertierte Seite kennen. Ich war sehr schnell bei mir und erwachsen.

Magazin: Trotz der Chaosjahre? Waren Sie auch immer Sie selbst?

Otto: Ich habe nicht in Erinnerung, dass ich es einmal nicht war – allen Umwegen zum Trotze. Aber ich war sehr verschieden. Wenn ich heute in den Spiegel gucke, dominiert Zufriedenheit. Auch wenn es immer etwas zu verbessern gibt: Zweifel begleiten mich mein Leben lang. Ich halte dies für einen sinnvollen Kontrast.

Magazin: Sehen Sie die Einstufung als Enfant terrible der Otto-Dynastie als Kompliment oder als Fehleinschätzung?

Otto: Beides. Meine Stellung in der Familie war problematisch, auch weil ich meinen eigenen Weg suchte. Mein Vater tolerierte nicht nur alles, er verstand mich. Rückblickend glaube ich, dass er sich selbst in mir sah. Ich war immer für Geradlinigkeit und Klarheit – für andere sah dies nach Rebellion aus. Trotzdem habe ich meine Familie nie beschädigt. Ich bin heute nicht weniger eckig als früher und immer noch gut für Provokationen.

Magazin: Sie haben gut reden, aber ohne väterliches Vermögen wäre das alles unmöglich gewesen.

Otto: Ja und nein. Ohne das Geld hätte ich mit Sicherheit nicht die heutige Stellung in Stadt und Gesellschaft, keine Frage. Andererseits  kenne ich jeden Hamburger Hinterhof und nicht nur die Fassaden. Auch habe ich engen Kontakt zu Menschen, die von Hartz IV leben, Musikern zum Beispiel. So etwas schärft den Blick.

Magazin: Von oben hat man gute Sicht. Gab es auch Momente, in denen Sie die Millionen als Bürde empfanden?

Otto: Durchaus. Deswegen hatte ich mit meinem Vater die Annahme des Geldes erst mit 30 Jahren vereinbart.  Ursprünglich wollte ich gar nichts groß annehmen, bis auf 36 Mark Taschengeld im Monat. Das war zur Zeit meiner WG am Schulterblatt. Als auszubildender Restaurator verdiente ich 360 Mark, und zur Monatsmitte war unser Kühlschrank regelmäßig leer. Da hat mich die WG dann doch unter Druck gesetzt, die Familienkarte auszuspielen.

Magazin: Basiert Ihre Abscheu vor Nadelstreifen, Rotary und High Society auf damaligen Erlebnissen?

Otto: Das Bild stimmt so nicht. Nadelstreifen trage ich manchmal selbst, allerdings gerne ohne Krawatte.  Es ist für mich eine Bereicherung in verschiedenen Welten und damit auch auf Veranstaltungen, auf denen das Leben tobt, willkommen zu sein.

Magazin: Werden Ihre Kinder so erzogen – irgendwo im Spagat zwischen Hautevolee und alternativem Leben?

Otto:  Sie sollen selbstständig werden. Ich werde nicht darunter leiden, wenn sie eines Tages ausziehen.

Magazin: Also nichts mit Drogen, wilden WGs und Hulligulli?

Otto: Mit allen diesen Dingen habe ich Erfahrungen gesammelt. Die Lehren daraus gebe ich weiter. Ich leite an, erkläre viel, vereinbare Regeln und Sanktionen. Wobei vereinbaren tatsächlich heißt: Man einigt sich.

Magazin: Der kreative Underdog in Ihnen lebt also weiter…

Otto: …und ist für mich zur Lebensstruktur geworden. Macht ist nicht mein vorrangiges Interesse.

Magazin: Statussymbole wohl ebenfalls nicht. Andere gutbetuchte Hochwohlgeborene kaufen sich eine Yacht, Sie eine Kastenschute aus Prag. Was machen Sie damit?

Otto: Ich sehe Bedarf für ein Kulturschiff in der HafenCity.  Ich bin eben ein Nischengucker. Als ich das viele Geld annahm und akzeptierte, ein reicher Mann zu sein, tat ich dies auch aus politischer Motivation.  Ich verstehe viele Sprachen, im übertragenen Sinne, und verstehe mich als Dolmetscher. Das ist der rote Faden meines Lebens.

Magazin: Was traut der Dolmetscher Bürgermeister Christoph Ahlhaus und seinem Senat zu?

Otto:  Er wirkt nett und schlau. Allerdings hat er gerade mal eineinhalb Jahre Zeit. Das wird hart. Als Unternehmer weiß ich um die Notwendigkeit von Sparplänen. Ahlhaus ist das Thema offen angegangen, nicht populistisch. Das ist hanseatisch.

Magazin: Apropos, sind Sie ein Schwarz-Grüner?

Otto: Ich halte Schwarz-Grün für notwendig. Die CDU ist beweglicher als die doch oft starre SPD.

Magazin: Und Ihre persönliche Wahl?

Otto: Zurzeit grün.

Magazin: Was ein bisschen erstaunt bei ihrem ausgeprägten Unternehmer-Gen. Wann spürten Sie es erstmals?

Otto: Als Manager unserer Rockband City Nord. Zwischen 1979 und 1985 war das.

Magazin: Abgesehen von Ihrem Mäzenatentum: Sind Ihre beruflichen Aktivitäten ein Zuschussgeschäft?

Otto: Die Start-Ups anfangs natürlich. Die Babys müssen laufen lernen, sich aber irgendwann selbst finanzieren. Sonst ist es kein Geschäft. Auch da bin ich Hanseat.

Magazin: Nimmt Ihr Vermögen eher ab oder zu?

Otto: Durch die Finanzkrise habe ich Federn lassen müssen. Insgesamt aber wird es mehr. Dadurch kann ich auch mehr unternehmen.

Magazin: Was packen Sie als Nächstes an?

Otto: Ziel ist es, in Hamburg ein journalistisches, professionell gemachtes Musikradio zu etablieren. Name des Senders: 917XFM. Es wird ein Scharnier sein zwischen Musikwirtschaft, Musikern, der Szene und den Szeneclubs. Ich sehe eine marktfähige Nische, in der sich viele Kreative austoben können.

Magazin: Lassen Sie auch privat noch manchmal so richtig die Sau raus? Oder sind die heftigen Jahre vorbei?

Otto: Bisweilen schon. Wenn ich spontan Musik oder mit meiner ältesten Tochter so richtig Party mache. Am liebsten würde ich mich manchmal einschließen und malen. Aber dazu fehlt leider die Zeit.

Magazin: Fühlen Sie sich dennoch freier als Ihre Halbbrüder an den Schaltzentralen der Wirtschaftsmacht?

Otto: Freiheit ist für mich ein Ideal, das Lebenselixier. Am Ende ist das eine Frage des individuellen Gefühls. Übrigens glaube ich nicht, dass sich Alexander und Michael unfrei fühlen. Das ist relativ.

Magazin: Sehen Sie sich oft?

Otto: Sehr oft sehen wir uns nicht. Die Familie Otto ist ja nicht der Denver-Clan. Letztlich sind wir nicht zusammen groß geworden, so dass richtige Brudergefühle entstanden. Dennoch sind die Schnittmengen größer als viele denken. Es besteht menschliche Wärme, allerdings leben wir in unterschiedlichen Welten.

Magazin: Sind Sie ihrem Vater Werner Otto, dem durchsetzungsstarken Patriarchen, rückblickend dankbar?

Otto: Und wie! Trotz der Arbeit hat mein Vater viel mit mir gesprochen. Auch über eingemachte Themen. Er hatte einen ausgeprägten Familiensinn. Er hat mich im Prinzip in allen Fragen unterstützt, mir niemals im Wege gestanden.

Magazin: Hat er Sie als „schwarzes Schaf“ betrachtet?

Otto: Im Gegenteil! Er hatte wohl deswegen ein so ausgeprägtes Verständnis für meine Art zu leben, weil ihm diese selbst so nahe war. Er ist einen anderen Weg gegangen, in einer ganz anderen Zeit. Dabei wollte er eigentlich gerne Schriftsteller werden.

Magazin: Ihnen eilt der Ruf voraus, sehr familiär zu fühlen. Wie haben Sie den Tod Ihrer Mutter Anfang des Jahres verarbeitet?

Otto: Ich habe ihr Sterben begleitet und diesen Prozess als enormes Glück empfunden. Es bestand darin, meine Mutter intensiver denn je kennenlernen zu dürfen. Derzeit ist sie präsenter als zu Lebzeiten. Für mich liegt ein großer Frieden darin.

Magazin: Glauben Sie an Gott?

Otto: Nein. Ich sehe mich als evolutionären Humanisten.

Magazin: Was ist das denn?

Otto: Letztlich ist die Frage einfach: Lebe ich so, wie ich mir gefalle? Mit allen Fehlern, die ganz natürlich dazu gehören. Das ist nicht immer einfach, aber es ist der gerade, der humanistische Weg.

Magazin: Was war bisher das größte Glück Ihres Lebens?

Otto: Das beständigste Glück sind meine Kinder. Und ein weiteres großes ist meine Ehefrau. Sie hat mir die Angst genommen, dass mich andere nur wegen meines Geldes lieben könnten.

Kurz-Biografie

Frank Otto, geboren am 7. Juli 1957 in Hamburg. Nach einer Ausbildung als Restaurator am Museum für Kunst und Gewerbe studierte er bis 1984  Bildende Künste in Kiel. 1987 gründete er den Privatsender OK Radio (heute Oldie 95). 1995 den TV-Sender Hamburg 1. Mit einer Beteiligungsgesellschaft mit Sitz in der HafenCity kümmert sich der 53-Jährige um Kultur-, Sozial- und Medienprojekte. Mit diversen Aktionen machte er sich einen Namen als Mäzen. Gemeinsam mit Ehefrau Stefanie, einer Schmuckdesignerin, lebt Otto in einem Haus auf der Uhlenhorst. Zusammen haben sie zwei Kinder; zwei weitere stammen aus vorhergehender Ehe.